World-ETF-Berichterstattung: solide Basics, aber steuerlich mangelhaft (Österreich)

tl;dr: Im Beitrag wird auf einen Artikel (Vorsorge mit Weltaktien-ETFs: Mit diesen Leitlinien fährt man auf Dauer am besten; Bezahlschranke) in einer österreichischen Zeitung eingegangen, der grundlegende Empfehlungen zur Anlage in Welt-ETFs darlegt, wobei der Fokus auf dem Ausschalten von Emotionen, der richtigen Indexwahl und dem Risikomanagement liegt. Die deutlichste Kritik von mir ist die Versäumnis, auf steuerliche Aspekte einzugehen.

Die österreichische Zeitung „Der Standard“ hat heute, 19.11.2025, einen Artikel (Vorsorge mit Weltaktien-ETFs: Mit diesen Leitlinien fährt man auf Dauer am besten) über die Vorsorge mit Welt-ETFs veröffentlicht und stellt „Leitlinien“ vor, mit denen Anlegerinnen „man auf Dauer am besten (fährt)„. Teilweise wird ein Analyst namens Ali Masarwah vom Fondsdienstleister Envestor als Experte herangezogen. Soweit so gut.

Der Inhalt ist leider hinter einer Bezahlschranke, deshalb habe ich die wichtigsten Punkte von Gemini zusammenfassen lassen, eigene Ergänzungen gemacht und ein paar Passagen zitiert:

  • Emotionen ausschalten
    • Vermeide Herdentrieb (FOMO): Kaufe nicht aufgrund von Hype oder der Angst, etwas zu verpassen, da dies oft zu teuren Käufen führt.
    • Klare Strategie: Halte dich an eine definierte Anlagestrategie und lasse dich nicht von Gier, Angst oder Euphorie treiben.
  • Die richtige Index- und ETF-Wahl
    • Schon die Auswahl ist eine Herausforderung.
      • Der MSCI World bildet nur Industrienationen ab.
      • Der MSCI ACWI (All Country World Index) oder der FTSE All-World Index umfassen zusätzlich Schwellenländer, was eine breitere Streuung bietet.
      • Die MSCI World ETFs gibt es mit einer Small Caps Variante. Diese sind in der Regel nicht zu empfehlen, da sie (die Kleinen) langfristig mehr Kosten als Nutzen bringen.
    • Performance-Index bevorzugen:Um langfristig am meisten aus einem Weltaktien-ETF herauszuholen, ist es empfehlenswert, zu einem sogenannten Performanceindex, der auch als Total Return oder als thesaurierend bezeichnet wird, zu greifen – also etwa dem MSCI World Total Return. Warum? Bei dieser Ausgestaltung des Index werden Dividenden und andere Ausschüttungen in die Entwicklung einbezogen und somit automatisch reinvestiert, was einen Zinseszinseffekt gewährleistet.“ Bei Kurs- oder Preisindizes musst du Ausschüttungen manuell wieder anlegen.
    • ETF-Kriterien:
      • Die Kosten (TER) sollten maximal 0,3 Prozent betragen.
      • Das Fondsvolumen sollte mindestens ein bis zwei Milliarden Euro betragen.
      • Anfänger sind sicherlich zunächst mit einem der gängigen Weltaktienindizes wie dem MSCI World gut bedient. Für Fortgeschrittene empfiehlt Masarwah jedoch, mehrere ETFs aus verschiedenen Indizes miteinander zu kombinieren, um ein globales Portfolio aufzubauen. Das Wichtigste sei dabei, sich umfassend über Produkte und Alternativen zu informieren. Für welchen ETF man sich schlussendlich entscheidet, hängt auch mit der Wahl des Brokers zusammen. Nicht jeder Broker bietet alle ETFs an. Hat man also bereits ein Depot, sollte man beachten, welche ETFs hier angeboten werden.
  • Umgang mit Risiko
    • Junge Anleger: Können aufgrund des langen Horizonts die Vorsorge fast gänzlich auf Aktien stützen.
    • Kurzfristiger Kapitalbedarf: Wird ein Teil des Kapitals innerhalb weniger Jahre benötigt (z. B. für eine Immobilienanzahlung), sollte dieser Betrag in risikoärmere Produkte (wie Zinsprodukte oder Sparbuch) umgeschichtet werden, um einen Kurssturz zum Verkaufszeitpunkt zu vermeiden.
    • Renditen im Alter: Auch im fortgeschrittenen Alter sollte man, solange der finanzielle Spielraum es zulässt, nicht vollständig auf die höheren Renditen von Weltaktien-ETFs verzichten.

Gehen wir die einzelnen Punkte durch.

  • Emotionen ausschalten: FOMO is real. Meine eigene Erfahrung: Doge war eine blöde Idee. 😉 Ich habe damals genau wegen FOMO gekauft und bin eingefahren. Was sollst, es war kein großer Betrag, dafür ein Learning. Dazu kommt, dass das ein Memecoin war. Hier ist FOMO fast noch schlimmer wie bei Aktien. Denn: Wenn beispielsweise ein Bluechip steigt, du einsteigst und die Aktie dann an Wert verliert ist es auch doof, aber zumindest steckt ein Unternehmen dahinter. Den Verlust kannst du vllt. langfristig wieder aufholen, weil das Unternehmen gut wirtschaftet. Bei Memecoins steht ja kein physischer Wert dahinter. Vielleicht sind Pennystocks eher das Equivalent zum Memecoin.
  • Klare Strategie: Ja. Eine Strategie hilft, um das Portfolio überlegt und kontinuierlich aufzubauen. Ich investiere beispielsweise per Sparplan und per Einmalzahlungen u. a. in den FTSE All World. Das ist mein Core-Anteil im Portfolio. Daneben habe ich noch Satellites, die einen risikoreicheren Teil meines Portfolios ausmachen. Ich weiß, wie ich langfristig unterwegs sein will.
  • Die ETF-Wahl: Über die unterschiedlichen World-ETFs ist schon so viel geschrieben worden…aber die Aussage zu Small-Caps finde ich spannend. Ehrlicherweise habe ich mich noch nicht im Detail mit dem Thema beschäftigt. Was sagt ihr zu der Aussage? Finanzfluss stellt das glücklicherweise gut und wesentlich differenzierter dar.
  • Performance-Index: Hier ist doch etwas durcheinander geraten, oder? „Performance-Index“ beschreibt doch nur die Berechnungsmethode, aber bezieht sich nicht auf den ETF-Typ (Ausschütter vs. Thesaurierer). Der iShares MSCI World UCITS ETF (Dist) ist beispielsweise ein Ausschütter, der Referenzindex ist aber der MSCI World Net Total Return Index.
  • Kriterien für die ETF-Wahl: Die TER ist ein wichtiges Kriterium. Je geringer, desto besser. Lustigerweise habe ich vor ein paar Jahren selbst mal > 1.000 ETFs analysiert. Die durchschnittliche TER lag bei 0,31 %. Ehrlicherweise sehe ich das ganze aber auch ein bisschen lockerer. Im Vergleich zu den ganzen Kosten von klassischen Fonds sind auch 0,5 % etc. noch günstig. Zum Fondsvolumen: Auf das Fondsvolumen kann man sicher achten. Die Aussage zu einem ETF oder zu mehreren ETFs finde ich schon wieder schwierig. Mit einem World-ETF ist meiner Meinung nach auch ein fortgeschrittener Anleger / eine fortgeschrittene Anlegerin gut bedient.
    • Was komplett untergeht ist das Thema Steuern: In Österreich kann es nachteilig sein, wenn man einen synthetischen ETF wählt (Siehe Reddit-Diskussion, Nachrichten.at-Artikel). Zusätzlich sollte man überprüfen, ob der ETF ein Meldefonds ist. JustETF (Suchmaschine für ETFs + bietet Detailseiten zu ETFs) zeigt dies in einer Zusammenfassung an, aber ein Gegencheck über die OeKB ist sicher nicht schlecht. Und wenn man schon einmal auf der OeKB-Seite ist, kann man sich auch gleich informieren, ob alle Ausschüttungen gemeldet werden oder nur eine Jahresmeldung vorliegt. Kurz: Liegt nur eine Jahresmeldung vor, zahlt man mehr Steuern. (Hier zusammengefasst: brokertest). Auch das Land, in dem der ETF aufgelegt ist, spielt eine Rolle. Bei niederländischen ETFs haben österreichische Anlegerinnen beispielsweise bei Ausschüttungen eine höhere Steuerlast zu tragen.
  • Umgang mit Risiko: Ja, als junge Frau / junger Mann hat man Zeit. Aber huch, warum sind wir jetzt beim Begriff „Aktien“ und nicht mehr „ETFs“? Das mit dem kurzfristigen Kapitalbedarf würde ich auch so stehen lassen. Renditen im Alter: Ja, kommt eben drauf an.

Fazit

Der Artikel beinhaltet solide Informationen, aber an mancher Stelle würde ein inhaltlicher Eingriff sinnvoll sein.

Die Aussage des Experten, dass fortgeschrittene Anlegerinnen doch ETFs kombinieren sollen, könnte ausführlicher diskutiert werden. Ein World-ETF ist meiner Meinung nach auch für Fortgeschrittene ausreichend.

Im Artikel wird außerdem der Index-Typ (Performanceindex, Kursindex) mit dem ETF-Typ (Thesaurierer vs. Ausschütter) vermischt.

Bei der ETF-Wahl ist mir die Informationsvielfalt hinsichtlich der Steuerthematik viel zu mager. Wie fast immer in solchen Beiträgen werden wichtige Steuerdetails ausgespart. Es geht nicht darum, Steuerprofi zu werden. Bin ich auch nicht. Aber die Grundlagen sollten zumindest erwähnt werden, um speziell Anfängern zu einer weiteren Recherche zu motivieren.

Achja, und dann noch die Aussage zu den Small-Caps: Die MSCI World ETFs gibt es mit einer Small Caps Variante. Diese sind in der Regel nicht zu empfehlen, da sie (die Kleinen) langfristig mehr Kosten als Nutzen bringen. Was meinst du dazu?

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