Zugang demokratisiert, Strategie vergessen: Das Problem mit ETFs

ETFs bzw. der All-World gilt als simples und effektives Finanzprodukt für den Durchschnittsinvestor / Vermögensaufbauer. Social Media, YouTube-Kanäle, zahlreiche Bücher und spezialisierte Websites haben dafür gesorgt, dass der Einstieg in das Thema niedrigschwellig ist. Neobroker ermöglichen mit ein paar Klicks den Kauf / Verkauf und die Einrichtung eines Sparplans. These: Der Zugang zu dem Thema ist demokratisiert worden, das strategische Verständnis blieb aber auf der Strecke.

Die Abbildung zeigt meine Überlegung visuell und ist eine subjektive Einordnung. Die x-Achse stellt eine „Gefühlte Komplexität“ dar, die y-Achse die „Echte Komplexität“. Produkte und Systeme aus dem Finanzbereich sind in vier Quadranten eingeordnet: Simpel, wirkt komplexer als nötig, echte Komplexität und versteckte Falle. Beispiel: das Haushaltsbuch ist grundsätzlich gefühlt simpel und auch real simpel. Trading (Simplifiziert; hier: Handel von hochspekulativen Produkten, konstante Gewinnmitnahme…ist hingegen gefühlt komplex und auch real komplex (v.a. im Vergleich zum Haushaltsbuch oder World).

Meiner Wahrnehmung nach hat sich das Bild von ETFs, hier exemplarisch mit dem World dargestellt, grundlegend verändert. Vor 10 Jahren haben Blogger und Leser intensiv miteinander diskutiert und auch spezialisierte Foren gab und gibt es noch zu dem Thema. Insgesamt diskutierte aber noch eine eher kleine Gruppe an Personen.

Mit der Zeit änderte sich das. Das Blogger-Universum wuchs und es kam zu einer Professionalisierung der „Szene“. Der Begriff Finfluencer schwirrte plötzlich herum, immer mehr Affiliate-Links waren in Beiträgen zu finden und Plattformen entstanden, die das Thema kommerziell angingen. Alles ganz wertfrei beobachtet. Ich bemerkte beispielsweise, dass mich immer häufiger Unternehmen angeschrieben haben, die bezahlte Inhalte platzieren wollten. Die Vielfalt an Plattformen und die Professionalisierung brachte eine Finanz-Content-Flut, die plötzlich einen größeren Personenkreis als zuvor erreichte.

Als ich vor einer Woche durch meine Stammbuchhandlung ging ist mir wieder einmal aufgefallen, wie präsent das Thema Finanzen und Geldanlage mittlerweile wirklich ist. Ein eigener Bereich wurde dafür geschaffen, der nicht zu übersehen ist.

Und hier kommen wir wieder zur Abbildung. Der All-World-ETF ist in diesen Jahren vom Quadranten „Wirkt komplexer als nötig“ zum „Simpel“-Quadranten gewandert. Dieses Finanzvehikel war vorher für die Masse schwer zugänglich. Jetzt ist es fast schon wie ein Haarshampoo, dass man eben mal so kauft. Auch beim Thema Trading beobachte ich das tendenziell, aber das ist ein anderes Thema.

Gefühlt weiß heute jeder von jung bis alt was ein ETF ist. Der große Erfolg für dieses Wachstum liegt wahrscheinlich an Social Media. Über diese Plattformen können die Finanz-Themen schnell und snackable konsumiert werden.

Diese Entwicklung ist begrüßenswert. Aber es bleibt ein Problem: Das grundlegende strategische Verständnis.

Vielleicht ist das nur meine Wahrnehmung. In Diskussionen beobachte ich aber oftmals folgendes Muster:

Kurse fallen: Es wird darüber diskutiert, wie jetzt weiter angelegt wird, ob dieser eine ETF verkauft werden sollte, ob dieser andere ETF hinzukommt oder plötzlich alles in Gold gesteckt werden sollte.

Es wird also über klassisches Market-Timing diskutiert, obwohl ein breitgestreuter ETF dieses Vorgehen genau nicht begünstigen sollte.

Diese Diskussionen zeigen mir: Das richtige Finanzvehikel wurde gewählt. Die Strategie / das Warum dahinter fehlt aber noch.

Fehlt es hier an Inhalten? Werden diese Inhalte nicht internalisiert? Wird sich damit ungern beschäftigt? Ist überhaupt darüber nachgedacht worden? Ist die emotionale Reaktion so stark, dass Strategien verworfen werden?

Was tun? 3 Punkte.

#1 Das Warum stärker in den Vordergrund stellen

Über ETFs zu sprechen reicht nicht. Es sollte zwingend in jeder Diskussion die strategische Komponente / das Warum erwähnt werden. Stichwort: Renditedreieck ansehen. Fragen stellen: Was will man persönlich damit erreichen? Wird das investierte Geld langfristig nicht benötigt?

#2 Sparplan einrichten

Als Anleger sollte zwingend ein Sparplan eingerichtet werden, der läuft und läuft und läuft. So können Schwankungen einfacher ausgesessen werden.

#3 Informationskonsum von Crash-Gurus und dementsprechende Artikel einschränken

Wer sich kontinuierlich über Finanzen informiert, stößt früher oder später auf Weltuntergangsartikel, die einerseits ein System kurz vor dem großen Crash beschreiben und andererseits mit irgendwelchen Heilsversprechen (Kaufe mein Produkt!) ankommen. Schwachsinn! Halte dich fern davon und sieh dir einen World-ETF-Chart auf max. an.

Selbstverständlich sind im Beitrag alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen und gemeint.

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